50 Jahre „Zuchtmeister“

Die schönste Aufgabe

Herbert Wehner wurde vor 50 Jahren Fraktionsvorsitzender

Fraktionssitzung am Tag vor der Wahl: Herbert Wehner, Georg Leber und Carlo Schmid (sitzend)

Vor 50 Jahren, am 22. Oktober 1969, wurde Herbert Wehner zum Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion gewählt. Aus diesem Anlass erklärt Christoph Meyer, Vorsitzender der Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung in Dresden:

„Am 22. Oktober 1969 begann eine Ära. Herbert Wehner wurde erstmals zum Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag gewählt. Er blieb über 13 Jahre im Amt, bis zum Frühjahr 1983. Seine Zeit als Fraktionsvorsitzender ist die Zeit der erfolgreichen sozialliberalen Bundesregierung. Mit den Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt, mit Reformen und Neuer Ostpolitik. In diese Zeit fällt auch die Hoch-Zeit des bundesrepublikanischen Parlamentarismus. Mit beherzten Debatten und leidenschaftlichen Auseinandersetzungen wurde der Bundestag zum Herzstück der bundesdeutschen Demokratie. Nicht zuletzt dank des vorbildlichen Parlamentariers Herbert Wehner.

Schon 1966 hatte Herbert Wehner die Fraktion für einige Monate geleitet: von September bis Dezember als Amtierender Vorsitzender in Vertretung für den erkrankten Fritz Erler. In dieser Zeit stellte er die entscheidenden Weichen für die Bildung der ersten Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD. Auf Wehner folgte Helmut Schmidt, der das Amt 1969 nicht gerne wieder abgab, aber sich darin fügte: Er wurde als Verteidigungsminister gebraucht. Schmidt meinte damals zu Willy Brandt: ‚Der Fraktionsvorsitzende wird der bei weitem wichtigste Minister der Koalition sein – nach innen wie nach außen.‘ Vor der Wahl seines Nachfolgers erzählte Schmidt eine Anekdote: Vor einigen Jahren, noch zu Oppositionszeiten, hätten Journalisten Wehner gefragt: ‚Was möchten Sie werden, wenn die SPD in die Regierung kommt?“. Schmidt: ‚Da hat der Onkel Herbert ganz lange nachgedacht und an seiner Pfeife gezogen und dann ging ein Lächeln über sein Gesicht – fast so schön wie auf den Wahlplakaten. Er gab zur Antwort: <Fraktionsvorsitzender – und dann würde ich der Regierung Beine machen.>‘

Herbert Wehner selbst erklärte seine Bereitschaft zur Kandidatur mit den Worten: ‚Falls mich die Bundestagsfraktion zum Vorsitzenden wählt, will ich tun, was ich kann, um vom Bundestag aus die neue Bundesregierung zu unterstützen.‘

Bei der Wahl erhielt Herbert Wehner 197 von 215 Stimmen, das sind 91,6 Prozent. Er bedankte sich für das Vertrauen und meinte, so der Pressedienst der Sozialdemokraten: ‚In dieser Fraktion werde es auf jede Abgeordnete und jeden Abgeordneten ankommen. Eine Aufgabe, bei der von jedem die höchste Spannkraft verlangt werde, sei die schönste, die man sich denken könne.‘ Bundeskanzler Willy Brandt betonte, es komme auf die Zusammenarbeit von Partei und Fraktion an. ‚Er selbst und Herbert Wehner wüssten, dass sie sich aufeinander verlassen könnten.‘

So war es.“

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