Wehners floraler Colt

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Streiflicht konfus

Schwere Schlagschatten auf Söder, Merkel und Wehner

Herbert Wehner mit floralem Colt – leider ohne Lächeln.

Schlagzeilen in der deutschen Qualitätspresse macht er ja in letzter Zeit selten, der Herbert Wehner. Für eine Glosse ist er aber immer mal wieder gut. Jetzt hat er es wieder auf Seite 1 gebracht, ins anonyme „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung. Da wird eine schöne historische Freund-Feind-Parallele gezogen: Söder gegen Laschet, Merkel gegen Guttenberg und – wieder einmal – Wehner gegen Brandt. Es ist Bundestagswahlkampf. Hier also eine Glosse zur Glosse.

Von Christoph Meyer

Das Streiflicht meint, es sei Herbert Wehner damals 1974 gelungen, „Willy Brandt aus dem Kanzleramt zu schmeicheln“. Das ist nun eine besonders originelle Lesart der seitens der Journalisten so gern bemühten Äußerungen Wehners über Brandt in Moskau im Herbst 1973. Aber ach nein! Vielmehr bietet das „Streiflicht“ jetzt eine geradezu sensationelle Neuinterpretation der Geschichte an: Wehner benutzte einen Rosenstrauß als „floralen Colt“!

Da stellen sich natürlich Fragen: Wer hat die Waffe geladen und entsichert? Wer hat sie Herbert Wehner in die Hand gedrückt? Wie kam es zur Anschaffung dieser Waffe? Ging das auf Wehner selbst zurück? Wahrscheinlich sagte er zu seiner wichtigsten Mitarbeiterin: „Du, Greta, ich brauch‘ nen Colt, um den Willy zu erlegen. Geh doch mal in den Blumenladen und hol‘ mir ein schönes Todesbukett.“ Leider ist dies nicht überliefert. War es etwa gar nicht Herbert Wehner, sondern Greta – oder irgendjemand aus der Bundestagsfraktion – der auf eigene Faust handelte und Wehner den Colt in die Hand drückte? Da dachte wohl jemand aus dem Apparat: Da müssen jetzt Rosen her, damit Egon die Tränen kommen und er Willy zum Rücktritt rät.

Sehr schön auch der Vergleich mit Angela Merkel, die gelächelt haben soll, als auf ihrem Handy die Nachricht vom Rücktritt des Verteidigungsministers Guttenberg kam. Leider ist so ein Lächeln von Wehner aus Anlass des Rücktritts von Brandt nicht überliefert. Nicht mal ein Anflug. Die Medien waren eben vor 47 Jahren noch nicht allüberall. Es gibt nur, einige Jahre später, eine ziemlich sauertöpfische Äußerung: „Ich wusste, was es hieß, wenn der erste sozialdemokratische Bundeskanzler aus eigenem Entschluss und in solch einer Situation zu gehen für unvermeidlich hält.“ Bestimmt eine Nebelkerze des alten Ränkeschmieds.

Merkel aber, die den Rücktritt von Guttenberg belächelt, das ist eindeutig ein belastendes Indiz. Es war also die Kanzlerin persönlich, welche die Doktorarbeit ihres Ministers gefälscht hat. Das ist mindestens genauso wahrscheinlich wie der Gedanke, dass Wehner den Rücktritt von Brandt herbeigeführt hat. Es ist doch klar, der SPD-Fraktionsvorsitzende persönlich installierte den DDR-Spion Guillaume im Kanzleramt. Und sorgte dafür, dass der noch mit nach Norwegen in den Urlaub fuhr, als er längst unter Verdacht stand. Beweise? Brauchen wir dafür nicht, da reicht der Rosenstrauß. Und natürlich ein Zitat in Mielke-Manier: „Willy, du weißt, wir alle lieben dich!“ In welchem Protokoll dieser Satz steht – leider in keinem. Macht aber nichts. Haben wir schon mal so geschrieben. Wird dann irgendwann stimmen, oder? (War da mal was? Ach, ja. Da habe ich ja im Jahr 2012 schon einen Leserbrief dazu an die Süddeutsche geschrieben, der wurde am 6. Februar auf Seite 30 sogar abgedruckt – das Streiflicht ist eben auch mal vergesslich. Vergessen ist die große Schwester des Erinnerns.).

Zum Schluss noch etwas wirklich Schockierendes. Es gibt Fernsehbilder, die eindeutig belegen, dass Herbert Wehner bei seiner letzten Sitzung als Fraktionsvorsitzender 1983 ein Strauß mit Rosen überreicht wurde. Von wem? Was sollte das? Wer veranlasste die Anschaffung dieser Waffe? Warum war es Greta, die das Bukett aus dem Bundeshaus trug? Und wo landete der Colt schließlich? Was hat das Ganze mit Egon Bahr und Willy Brandt zu tun, mit Armin Laschet und Markus Söder? Könnte Angela Merkel bereits damals…

Es ist eben gute alte Tradition in Deutschland, vom Nibelungenlied über die Dolchstoßlegende bis hin zu Armin Laschet: Es muss Verrat aus den eigenen Reihen sein, nie sind die Helden selbst an ihrem Untergang schuld. Mal sehen, welche schweren Schlagschatten die Streiflichter der Zukunft noch so werfen…

Bezug: „Das Streiflicht“. In: Süddeutsche Zeitung vom 23.8.2021, Seite 1.

Der Leserbrief von 2012: http://www.hgwst.de/leserbrief-sueddeutsche-zeitung/.

Die Wahrheit zu Wehners Rolle beim Rücktritt natürlich in meiner Biographie von 2006 und u.a. hier: http://www.hgwst.de/bahrs-mutmassungen-ueber-wehner/.

 

Wehners floraler Colt
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