Lebensgeschichte statt Sektenkunde!

Sektenkunde oder Entwicklungsgeschichte?

Wikipedia-Korrekturen, Teil 11

Herbert Wehner, mit 19, als Anarchist (1926)

Auf Wikipedia tummeln sich anscheinend auch viele „Experten“ für die Geschichte von Politsekten. Oder sind es deren Liebhaber? Jedenfalls wird in dem länglichen Teil zu den „frühen politischen Betätigungen“ ein zu großes Gewicht auf die organisatorischen Zuordnungen gelegt.

Herbert Wehners „frühe politische Betätigungen“ erstrecken sich auf Wikipedia[1] bis zu seinem 30. Lebensjahr, also von 1923 bis 1936. Dabei wird mit der Angabe „noch zu seiner Schulzeit“ für den Beitritt zur Sozialistischen Arbeiterjugend und der Jahreszahl 1923 für den Austritt der Eindruck erweckt, jener sei früher erfolgt als Anfang 1923. Durchaus interessant wäre es auch wohl, zu erwähnen, dass er in dem Jahr am Arbeiterjugendtag in Nürnberg teilgenommen hat, wohin er zu Fuß gewandert ist[2]. Stattdessen erscheint es den Wikipedia-Autoren besonders wichtig, die Mitgliedschaft in anarchistischen Sekten organisatorisch zu dokumentieren, zum Beispiel indem sie behaupten, er sei aus der sozialdemokratischen Jugend ausgetreten, „um Mitglied der anarchosyndikalistischen Jugendgruppe ‚Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands‘ (SAJD) zu werden“[3]. Nun, ob die Organisationsstrukturen bei den Anarchisten tatsächlich so fest gefügt waren, wie der Wikipedia-Eintrag den Anschein erweckt, sei einmal dahingestellt. Jedenfalls wird es kaum ein Mitgliedsbuch oder ähnliches gegeben haben, oder? Herbert Wehner selbst sprach immer nur von einer „freien sozialistischen Jugendgruppe“, der er sich nicht aus organisatorischem Selbstzweck angeschlossen hatte, sondern weil seine Dresden-Striesener Jugendgruppe sich „aus dem Gleis geworfen“ fühlte[4]. Wenig wahrscheinlich ist auch, dass Wehner, wie Wikipedia behauptet, der SPD vorgeworfen hat, „Verrat an der Einheitsfront“ begangen zu haben – das ist schon technisch unmöglich, denn eine so auch begrifflich gefasste „Einheitsfront“-Politik gab es doch erst in den 1930er Jahren.

Diesen Absatz sollte Wikpedia straffen und ihn besser wie folgt fassen:

„Anfang 1923 trat Herbert Wehner der SPD-Jugendorganisation „Sozialistische Arbeiterjugend“ (SAJ) bei, und im Mai dieses Jahres nahm er an deren Arbeiterjugendtag in Nürnberg teil, wohin er von Dresden aus zu Fuß wanderte. Als im Herbst 1923 die Reichsregierung die sächsische SPD-KPD-Koalitionsregierung absetzte und dies im Zuge der „Reichsexekution“ durch Reichswehrtruppen in Sachsen teils brutal durchsetzen ließ, trat Wehner mit der Mehrheit seiner Striesener Gruppe aus. Sie bildeten eine freie, anarchistische Jugendgruppe, die zunächst Anschluss an anarchosyndikalistische Kräfte suchte, sich aber im Jahr 1926 von diesen lossagte und eigenständig als „Anarchistische Tatgemeinschaft“ firmierte. Die Gruppe traf sich in einer Gaststätte in Dresden-Neustadt und gab eine kleine, unbedeutende Zeitschrift heraus, die „Revolutionäre Tat“, welche nur dreimal erschien und deren Artikel zum Großteil von Herbert Wehner stammten.“

In einem sehr knappen Abschnitt zu seiner beruflichen Entwicklung heißt es dann bei „Wikipedia“, Wehner habe 1924 die „mittlere Reife“ erworben und eine kaufmännische Lehre begonnen, sodann 1926 wegen „seiner radikalen politischen Betätigung“ seine Anstellung verloren[5].

Das ist alles nicht ganz falsch und nicht ganz richtig. Herbert Wehners Schulbildung, wiewohl auf einer Realschule erworben, ist nicht mit „mittlere Reife“ gleichzusetzen, und den Verlust seiner „Anstellung“ wegen politischer Betätigung gab es erst 1927, was aber dann erst in den übernächsten Absatz gehören würde. Besser daher so:

„Zwischen 1921 und 1924 besuchte Herbert Wehner eine Verwaltungsklasse an der Realschule Dresden-Neustadt. Dieses Reformexperiment führte jedoch ins Leere, und so begann er dann eine kaufmännische Lehre in der Dresdner Maschinenfabrik Hille, die er als qualvoll empfand und 1926 abschloss[6].“

[1]              Wikipedia: Herbert Wehner, abgerufen am 23.3.2018.

[2]              Vgl. Meyer, Christoph (2006): Herbert Wehner. Biographie. 4. Aufl. München: dtv, S. 30.

[3]              Wikipedia: Herbert Wehner, abgerufen am 23.3.2018.

[4]              Meyer, Christoph (wie Anm. 24), S. 31.

[5]              Vgl. Wikipedia: Herbert Wehner, abgerufen am 23.3.2018.

[6]              Vgl. Meyer, Christoph (wie Anm. 24), S. 31f.

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