Die Kirche im Dorf lassen!

Moskauer Zeit: Eine einzige Denunziation

Wikipedia-Korrekturen, Teil 14

Moskauer Emigrantenhotel „Lux“

Der Wikipedia-Eintrag zu Herbert Wehner ist nicht nur mit Fehlern durchsetzt und einseitig polemisch. Ganz besonders heftig geht es in dem Abschnitt zu Wehners Zwangsaufenthalt in Moskau zur Zeit des Großen Terros zu. Wir rücken die Dinge ins rechte Licht und empfehlen: Lasst die Kirche im Dorf!

Die Moskauer Jahre Herbert Wehners sind einer der schwierigsten Teile seiner Biographie. Bei Wikipedia[1]allerdings ist alles ganz einfach: Herbert Wehner kam im Januar 1937 nach Moskau, blieb dort vier Jahre im Hotel Lux, schrieb eine Reihe von Artikeln, vor allem aber, und dann nennt die Internetseite in acht Spiegelstrichen Namen, habe er sich als Denunziant in den stalinistischen Säuberungen betätigt.

Hier wird einseitig die Sichtweise des Forschers Reinhard Müller wiedergegeben, des ehemaligen Leiters der Hamburger Ernst-Thälmann-Stiftung, der gegen Ende der Ära Gorbatschow das Privileg genießen durfte, in Moskauer Archiven zu forschen. Aber anstelle einer kritischen und selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Verwicklung der gesamten KPD-Führung in die stalinistischen Machenschaften nutzte er dieses dafür, sich – hier eine alte KPD-Linie in der Propaganda gegen Herbert Wehner wieder aufnehmend – mit der Verwicklung eines einzigen, nämlich des Sozialdemokraten Herbert Wehner zu beschäftigen. Herausgekommen ist, so der Historiker Gerhard Beier, eine sehr „einseitige Auswahl der ‚Kaderakte’“, und „die isolierte Interpretation und die denunziatorische Absicht sind erkennbar.“[2]

Damit ist der Wikipedia-Eintrag zu Herbert Wehner einzigartig unter den Artikeln über führende in Moskau exilierte KPD-Politiker jener Zeit. So gibt es beispielsweise in den Einträgen zu Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht oder Wilhelm Florin jeweils kein einziges Wort über den Grad ihrer Verwicklung in die Machenschaften des Großen Terrors in der Sowjetunion[3].

Nahezu völlig unberücksichtigt bleibt in dem Wikipedia-Artikel die Tatsache, dass Wehner in Moskau selbst in Lebensgefahr schwebte; eine langwierige Untersuchung der Kaderabteilung gegen ihn lief, und er der Verhaftung nur mit Glück^entkam. Ebenfalls verschwiegen wird von Wikipedia, dass Herbert Wehner der einzige führende Kommunist war, der später versucht hat, in einer ausführlichen teils autobiographischen Arbeit, den „Notizen“, seine Erlebnisse in der Kommunistischen Partei und in Moskau aufzuarbeiten[4] – und der diese Ausarbeitung schon frühzeitig einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat[5].

1946 in Uppsala, beim Schreiben der „Notizen“

Eine gegenüber der Müller’schenknappe alternative Deutung habe ich in einem Vortrag 2017 versucht[6]. Nach wie vor lesenswert sind die Ausführungen des im Jahre 2000 verstorbenen Gerhard Beier[7]. Sie hier im Rahmen eines doch vor allem Faktenwissen vermittelnden Lexikonartikels wiederzugeben, hielte ich allerdings auch nicht für angemessen. Daher schlage ich vor, den Wikipedia-Text zu Wehners Moskauer Jahren kurz und knapp wie folgt zu fassen – dabei die Überschrift in „Jahre in Moskau (1937-1940)“ zu ändern, denn ins „Exil“ ist Herbert Wehner ja nicht gegangen und nach Schweden ging er schon unmittelbar nach dem Jahreswechsel von 1940 auf 1941:

Jahre in Moskau (1937-1940)

Kreise um Walter Ul­bricht sorgten dafür, dass in Moskau eine Untersuchung gegen Herbert Wehner eingeleitet wurde. So reiste er Anfang Januar 1937 in die Sowjetunion. Anders als erwartet musste er vier Jahre bleiben. Diese Moskauer Jahre 1937 bis 1940 fallen zu­sammen mit dem Höhepunkt der stalinistischen Säuberungen, des „Großen Terrors“ und der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts.

Die Jahre in Moskau waren für Herbert Wehner Jahre der Verirrung und des Überlebenskampfes. Wehner schaffte es zu überleben – doch das ging nicht ohne dafür einen hohen Preis zu zahlen.[8] Er musste seine Linientreue unter Beweis stellen, schrieb Artikel und Berichte, in denen er sich kritisch über andere KPD-Genossen äußerte. Angaben von Wehner sind vor allem in die Prozessun­terlagen gegen solche Funktionäre eingegangen, die Herbert Wehner ihrerseits belastet hatten – zum Beispiel Grete Wilde, Georg Brückmann, Leo Flieg und Erich Birkenhauer.

Herbert Wehner befand sich in Moskau in Lebensgefahr. Mindestens zweimal wurde er im Jahre 1937 im Hauptquartier der Geheimpolizei, der Lubjanka, verhört. Der Geheimdienstchef Nikolai Jeschow schrieb am 22. Juli 1938: „Wo ist die Meldung über die Verhaftung von Funk?“ („Kurt Funk“ war der Deckname Wehners).[9]

Wehner arbeitete in Moskau an der Analyse deutscher und anderer Radiosendungen und Zeitungsberichte für die Kommunistische Internationale und fertigte darauf aufbauend eine längere Untersuchung über die Lage der deutschen Wirtschaft und Bevölkerung im Kriege an[10]. Er bemühte sich dann beim Chef der Komintern, Georgi Dimitroff, um die Möglichkeit, auszureisen. Erst für Anfang 1941 wurde ihm dies gewährt, verbunden mit einem Auftrag: Her­bert Wehner sollte illegal nach Schweden gehen, um von dort andere Funktio­näre und schließlich sich selbst nach Deutschland einzuschleusen.

[1]             Vgl. Wikipedia: Herbert Wehner, abgerufen am 27.8.2018.

[2]             Beier, Gerhard (1993): Zur Aufklärung über den Lebensweg Herbert Wehners. In: Kronberger Bogendruck 3 (1/1993), S. 5f., Zitat S. 6; zur Qualität der Müller’schen „Forschung“ siehe neben diesem grundlegenden Text meine ebenfalls von Wikipedia unterschlagene Rezension seines letzten Buches zu Wehner: Meyer, Christoph: Müller irrt zu Wehner. Rezension (http://www.hgwst.de/rezension/, abgerufen am 27.8.2018).

[3]             Vgl. Wikipedia: Wilhelm Pieck; Wikipedia: Walter Ulbricht; Wikipedia: Wilhelm Florin (abgerufen am 27.8.2018).

[4]             Vgl. Wehner, Herbert (1985): Zeugnis. Persönliche Notizen 1929-1942. Hg. von Gerhard Jahn, 2. Aufl., Bergisch Gladbach: Bastei-Lübbe.

[5]             Eine ausgewogene Darstellung ist nach wie vor: Meyer, Christoph (2006): Herbert Wehner. Biographie. 4. Aufl. München: dtv, S. 68-85.

[6]             Meyer, Christoph (2017): „Trotz alledem – Weiter arbeiten und nicht verzweifeln!“Herbert Wehners bitterer Kampf gegen die Nazis. Veranstaltung des Förderkreises Denkmal für die ermordeten JudenEuropas am 19. Juli 2017 im Willy-Brandt-Haus, Berlin, im Rahmen der Themenreihe „Weltweites Exil“ in Kooperation mit demAuswärtigen Amt. S. 1-42 (http://www.hgwst.de/hgwst/wp-content/uploads/2017/07/2017-07-19-Trotz-alledem-Dokumentation.pdf, verfügbar am 27.8.2018).

[7]             Vgl. die schon zitierte 16seitige Broschüre von Beier (1993), a.a.O.

[8]             Schwere Kritik an Herbert Wehner äußert in seinen Publikationen der ehemalige Leiter des Hamburger Thälmann-Archivs, Reinhard Müller. Zu Müllers Vorwürfen gegen Herbert Wehner gibt es allerdings aus wissenschaftlicher Sicht schwerwiegende Einwände, siehe dazu Meyer, Christoph (2004): Müller irrt zu Wehner. Rezension (http://www.hgwst.de/rezension/, abgerufen am 27.8.2018) sowie Beier, Gerhard (1993): Zur Aufklärung über den Lebensweg Herbert Wehners. Kronberger Bogendruck 3 (1/1993).

[9]             Vgl. Andrew, Christopher; Mitrochin, Wassili: Das Schwarzbuch des KGB. Moskaus Kampf gegen den Westen. Berlin 1999, S. 557f.

[10]            Vgl. Meyer, Christoph (2006): Herbert Wehner. Biographie. 4. Aufl. München: dtv, S. 78f.

Fehler über Fehler!

Der Wikipedia-Eintrag zu Herbert Wehner ist mit zahllosen sachlichen sowie inhaltlichen Fehlern und Einseitigkeiten durchsetzt. Da Lamentieren nichts hilft, veröffentlicht die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung auf ihrer Seite nach und nach Korrekturen und Einschätzungen

Der aktuelle Stand zum Download als pdf  hier. Weitere Korrekturen und Einschätzungen folgen.

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