Wir brauchen ihn!

Bilanz und Ausblick: Kontroverser Kopf der Demokratie

Zum 34. Todestag Herbert Wehners am 19. Januar 2024

Von Prof. Dr. Christoph Meyer

34 Jahre. Heute ist Herbert Wehner länger tot als er im Bundestag war. Kein rundes Jubiläum. Ich, sein letzter Biograf, sitze beim Frühstückskaffee in Dresden, seiner Heimatstadt. Die Toten verlassen die Gedächtnisse der Menschen, nach und nach. Was bleibt, sind die Folgen ihres Handelns. Spuren von Gedanken, die sie geäußert haben, Abbildungen und Weiterentwicklungen ihrer Verhaltensweisen. Manchmal Legenden und Erzählungen. Die ranken sich, blasser werdend, auch um Wehner. Warum eigentlich nicht stärker und mehr?

Herbert Wehners Sterbetag war der 19. Januar 1990. Ich erinnere mich noch an den Tag, es war ein Samstag. Für mich etwas Besonderes, denn an diesem Wochenende war ich, Student, 23, zum ersten Mal richtig in der DDR, eine Exkursion aus Neugier, kurz nach dem Mauerfall, mit der Fachschaft Politik aus Köln in den Osten. Ein Dutzend junge Menschen, drei Kleinwagen, in jedem ein Kasten Bier, richtig nüchtern waren wir meist nicht. Abends dann in Leipzig im Radio die Nachricht: Der ehemalige SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner ist, 83jährig, in Bonn gestorben. Das gab mir so einen Stich, weiß ich noch, warum war mir nicht recht bewusst. Ich war zwar schon in der SPD, hatte den Mann aber nie persönlich kennengelernt, wie auch, 60 Jahre Altersunterschied und ich ein Junge vom Lande. Herbert Wehner außerdem, das wusste ich aber sicher nicht gewiss, die letzten sieben Jahre seines Lebens dement. Ich weiß aber, dass ich ihn als Kind schon in Bundestagsdebatten, live übertragen ins glücklicherweise alternativlose öffentlich-rechtliche Tagesprogramm im Fernsehen, gesehen habe. Und die großen Interviews mit ihm kannte ich, dasjenige mit Gaus 1964, das wurde ja öfter wiederholt, auch das von Kellermeier, erstmals ausgestrahlt 1980. Da muss er einen Eindruck auf mich gemacht haben. Jedenfalls gab es bei der Nachricht von seinem Tod so einen Stich bei mir, vielleicht ein Hinweis, dass da einer in meinem Leben noch eine Rolle spielen werde.

34 Jahre Bundestag, das ist ein Zeitalter. Es war – verlängern wir es einmal um die knapp sieben Jahre bis zu seinem Tod – das Zeitalter der alten Bundesrepublik. Herbert Wehner als einer der Gründer ihrer parlamentarischen Demokratie. Als der Deutschlandpolitiker, der Wiedervereinigungspolitiker der alten, der Schumacherschen und Ollenhauerschen SPD schlechthin. Von 1949 an neunmal direkt aus Hamburg in den Bundestag gewählt. Entscheidender Kontroverser Kopf der Demokratie. Zuletzt Alterspräsident. 17 Jahre Ausschussvorsitzender – natürlich für „gesamtdeutsche“ und Berliner Fragen. Dann drei Jahre Minister im gleichen Ressort, Begründer der Großen Koalition. Schließlich über 13 Jahre Fraktionsvorsitzender, Stütze der sozial-liberalen Regierung. Von Herbert Wehner gibt es eine historische, epochemachende Rede: diejenige vom 30. Juni 1960, die Anerkennung der Westbindung der Bundesrepublik, die Überwindung der Feindverhältnisse in der bundesdeutschen Innenpolitik. Eigentlich ist diese Rede Staatsräson.

Was passierte mit Herbert Wehner nach 1990?

Am Anfang stand ein Staatsakt mit Bundespräsident von Weizsäcker. Greta Wehner in der ersten Reihe neben Bundeskanzler Helmut Kohl. Nach der Trauer erstmal Ruhe um ihn. Es kommt der erstaunliche Auftritt Gretas, ihre Reisen in Herberts Heimat, ihre öffentlichen Reden zur Unterstützung des demokratischen und sozialdemokratischen Aufbaus im neuen Osten der wiedervereinigten Republik. Der „Tag der deutschen Einheit“, der von Herbert Wehner so benannte Feiertag, wird vom 17. Juni auf den 3. Oktober verlegt. Der Name des Nationalfeiertags wird vom Bekenntnis zur Tatsachenbeschreibung. (Über die Bekenntnisse am 17. Juni werde ich meine Magister- und Doktorarbeit in Geschichte schreiben, da lerne ich – über seinen Nachlass in Bonn – auch Herbert Wehner zum ersten Mal etwas näher kennen.) 1993 geht dann das mediale Kesseltreiben gegen den Toten los. Dubiose Forscher und Journalisten kramen in Wehners kommunistischer Vergangenheit, wollen den Widerstandskämpfer zum stalinistischen „Verfolgungstäter“ stempeln. Die letzte Witwe des 1992 gestorbenen Willy Brandt tritt auf den Plan. Im Kampf um das geistige Erbe ihres Mannes sucht sie dessen Mitstreiter Herbert Wehner herabzusetzen. Andere, die mit Wehner noch eine Rechnung offen zu haben meinen, ziehen nach – namentlich Egon Bahr. Auf dem Rücken des Toten erzielen ihre Bücher höhere Auflagen. Im Jahr 1994 ist Bundestagswahl, die SPD scheint Chancen zur Regierungsübernahme zu haben. Da hilft den Rechten jeder Knüppel zwischen die Beine – konservative Medien und Politiker bedienen sich der Kampagne, die wird hochgejazzt, es kommt zu Widerspruch, seitens Gretas, seitens der SPD, seitens solider Wissenschaftler.

1992 gründen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten vom Niederrhein und aus Sachsen das Herbert-Wehner-Bildungswerk. Ein neuer Träger der politischen Bildung in Ostdeutschland, in Sachsen, tritt ins Leben. Greta Wehner ist von Anfang an unentbehrlich stützend dabei. Nicht zuletzt ihrem Einsatz, aber auch dem Einsatz von Herberts Nachfolger im Amt des Fraktionsvorsitzenden, Hans-Jochen Vogel, ist es zu verdanken, dass dieses Bildungswerk als einzige Neugründung ihrer Art im Osten Deutschlands überlebt. Herbert Wehner als Namensgeber zu haben, mit ihm zu glänzen? Das war damals ein geniales Projekt, heute wirkt es fraglich. Denn auch nach 1994 geht das publizistische Kesseltreiben gegen Herbert Wehner weiter. Neue Argumente und Vorwürfe kommen keine hinzu, selbst lang Entkräftetes wird immer wieder aufgewärmt. Es wird schon was hängenbleiben, und es bleibt was hängen. Am Ende ist die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung, von Greta 2003 gegründet, fast allein mit ihren Dementis.

Vor 20 Jahren, etwa um diese Jahreszeit, entscheide ich mich, die Biographie Herbert Wehners zu seinem 100. Geburtstag zu schreiben. Oder genauer: Ich übernehme diese Aufgabe, denn das ist der einzig gangbare Weg damals, zu einem guten Buch über Herbert Wehner zu kommen. Es erscheint im Frühjahr 2006 bei dtv, wird ein Erfolg, ist bis heute die einzige wissenschaftlich fundierte und haltbare Komplettbiographie über Wehner. Ein Standardwerk. Infolge dieser Publikation, meine ich, verstummen die öffentlichen Angriffe ein wenig, sie bleiben aber in den Köpfen und Federn, so als Hintergrundrauschen. Wenn Herbert Wehner irgendwo erwähnt wird, dann meist mit so einem negativen Unterton (ein Blick in „seinen“ Wikipedia-Eintrag reicht: da reiht sich nach wie vor Fehler an Fehler). Greta nimmt es hin, traurig meist, zornig oft, oft haben wir etwas zu dementieren, richtigzustellen, vor allem im großen SPD-Jubiläumsjahr 2013, als Egon Bahr noch einmal kräftig nachtritt und Herbert Wehner des Verrats bezichtigt. Ich nehme – ebenfalls öffentlich – Stellung, doch die Massenmedien nehmen davon kaum Kenntnis. Das Bild hängt schief, das Geschichtsbild.

Dass das Geschichtsbild in Deutschland – was Herbert Wehner betrifft – schief hängt, liegt auf der Hand. Es hängt schon schief, was die Geschichte der SPD insgesamt betrifft. Wie sonst ist es zu erklären, dass der „Demokratieskandal“ (das Wort ist vom Autor der nachfolgend genannten Studie, Klaus-Dietmar Henke), dass „Adenauers Watergate“ die historisch schuldige CDU so gar nicht zu berühren scheint? Es geht um die jahrelange Ausspionierung der SPD durch den Bundesnachrichtendienst im Auftrag und zum Wohle des ach so genialen Gründungskanzlers Konrad Adenauer. Natürlich wird hier Herbert Wehner als Erklärung bemüht: Der Spitzel sei halt mit Wehner verfeindet gewesen, meinen irgendwelche Angehörige. (Herbert Wehner selbst hatte zu Herrn Ortloff übrigens kaum Kontakt, nur ein inhaltsleerer Brief ist in Dresden vorhanden.)

Grundsätzlich verfügen die Feinde eines realistischen Bildes von Herbert Wehner über zwei Möglichkeiten, ihn herabzusetzen. Der erste heißt: Beleidigen und verleumden. Beide Möglichkeiten ergänzen und verstärken einander gegenseitig. Am wirksamsten ist aber wohl das Beschweigen, den Mann aus dem Geschichtsbild zu streichen. Auf Kosten eines zukunftsfähigen Gesamtbilds der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte übrigens.

Ein zukunftsfähiges, tragfähiges Geschichtsbild zu haben, hat allerdings für die Gegenwart eine gewisse Bedeutung. Wenn die Demokratie dem Angriff der Populisten ausgesetzt ist, braucht es historische Beispiele wie dasjenige von Herbert Wehner, aus deren Lebenswegen zu lernen ist. Zu lernen: Konsens in Grundsatzfragen ist für die Demokratie ebenso essenziell wie kontrovers zu streiten über den richtigen Weg. Zumindest zu lernen: Der Mensch kann politisch irren, aber er bekommt in der Demokratie eine zweite Chance. Es geht um mehr Menschlichkeit, mehr Mitmenschlichkeit in der Politik. Trotz individueller Fehler und Schroffheiten: Es ist politisch möglich, mit Ehrlichkeit und Beharrlichkeit sich in die Probleme der Menschen hineinzuknien und sowohl im Dialog der Meinungen als auch auf der Suche nach gemeinsamen Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten die Verhältnisse im Rahmen des Machbaren zu verbessern. Nachhaltig, mit langem Atem.

Dafür brauchen wir ein realistisches Bild von Herbert Wehner, nach wie vor. Dafür brauchen wir das Vorbild Greta Wehner. Dafür brauchen wir die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung in Dresden als Ort der Demokratie und der Demokratiegeschichte.

So weit fürs erste. Es wäre viel hinzuzufügen. Es wird sich zeigen, was noch kommt.

 

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